Thomas Mann: Doktor Faustus

Dieses Buch stand schon sehr lange auf meiner To-read-Liste. In meiner Magisterarbeit habe ich mich intensiv mit dem Thema Musik bei Thomas Mann beschäftigt, vor allem in den Buddenbrooks und im Zauberberg. Als ich damals immer wieder über Doktor Faustus gestolpert bin, war klar: Irgendwann musst du da ran. Ein Roman über Musik, über Genie, über Verfall. Wie könnte man da nicht neugierig sein?

Nun habe ich es gelesen. Oder sagen wir: Ich habe mich hindurchgearbeitet. Doktor Faustus ist ein unglaublich fordernder Roman. Schwer, dicht, überladen mit Gedanken, Musiktheorie, philosophischen Exkursen, historischen Reflexionen. Das ist kein Buch, das man „einfach so“ liest. Es verlangt Aufmerksamkeit. Und Geduld. Viel Geduld.

Erzählt wird die Geschichte des Komponisten Adrian Leverkühn, dessen Leben und Werk von seinem Freund Serenus Zeitblom rekonstruiert werden. Zeitblom ist ein eigenwilliger Erzähler: gelehrt, moralisch, oft umständlich, manchmal fast schon ermüdend in seiner Gründlichkeit. Durch ihn erleben wir Leverkühns Weg, der immer stärker von der Idee des genialen Künstlers geprägt ist und vom berühmten Pakt mit dem Teufel. Ob dieser Pakt real ist oder metaphorisch zu verstehen, bleibt bewusst schillernd. Krankheit, Kälte, Isolation und schöpferische Radikalität greifen unauflösbar ineinander.

Besonders spannend fand ich natürlich den musikalischen Kern des Romans. Thomas Mann schreibt hier nicht nur über Musik, er denkt Musik. Zwölftonlehre, Kompositionsprinzipien, das Verhältnis von Tradition und radikalem Bruch. Gleichzeitig spiegelt sich in Leverkühns Schaffen der geistige und moralische Zustand Deutschlands wider. Der Roman ist zutiefst politisch. Der Zusammenhang von künstlerischem Größenwahn, Entmenschlichung und nationalem Abgrund ist allgegenwärtig.

Und trotzdem: Es war anstrengend. Sehr. Oft hatte ich das Gefühl, nur an der Oberfläche zu bleiben, obwohl ich aufmerksam gelesen habe. Ganze Passagen erschließen sich vermutlich erst beim zweiten oder dritten Lesen. Vielleicht sogar erst viel später. Ähnlich wie beim Zauberberg, über den Thomas Mann selbst einmal gesagt haben soll, man müsse ihn sieben Mal lesen, um ihn wirklich zu erfassen. Doktor Faustus gehört definitiv in diese Kategorie.

Ich habe das Buch mit großem Respekt beendet, aber auch mit dem Gefühl, dass es sich mir nur teilweise geöffnet hat. Vielleicht ist das genau so gedacht. Vielleicht ist Doktor Faustus weniger ein Roman, den man „versteht“, als einer, den man immer wieder neu befragt. Für den Moment bleibt vor allem die Ahnung, dass hier etwas sehr Großes, sehr Komplexes verhandelt wird und dass ein einziges Lesen dafür schlicht nicht ausreicht.

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