Henning Mankell: Die weiße Löwin

Die weiße Löwin ist kein Krimi, der von Auflösung lebt, sondern von einem Gefühl wachsender Unruhe. Henning Mankell erzählt weniger von der Frage, wer schuldig ist, als davon, wie Gewalt entsteht, sich vernetzt und lange Schatten wirft.

Kurt Wallander stößt auf einen Mord, der zunächst isoliert wirkt. Doch je genauer er hinsieht, desto deutlicher wird, dass dieser Fall nicht in der schwedischen Provinz bleibt. Die Spuren führen hinaus in eine politische Wirklichkeit, die größer ist als alles, was Wallander kontrollieren kann. Mankell entfaltet diese Zusammenhänge langsam, beinahe spröde. Die Spannung entsteht nicht durch Tempo, sondern durch das Wissen, dass sich etwas Unaufhaltsames zusammenzieht.

Wallander selbst ist müde. Körperlich erschöpft, innerlich unsicher, zunehmend fremd in seinem eigenen Leben. Seine Einsamkeit ist kein Charaktermerkmal, sondern ein Zustand. Sie durchzieht den Roman genauso wie die kargen Landschaften, in denen fast nichts Schutz bietet. Der Ermittler ist Beobachter einer Welt, die sich entzieht, und Teil von ihr zugleich.

Was Die weiße Löwin besonders macht, ist ihre politische Schwere. Mankell verknüpft persönliche Gewalt mit globalen Machtstrukturen, mit Rassismus, mit den Nachwirkungen der Apartheid. Europa erscheint dabei nicht als sicherer Gegenpol, sondern als verstrickt, beteiligt, verantwortlich.

Am Ende steht keine Beruhigung. Die Ordnung wird nicht einfach wiederhergestellt. Zurück bleibt ein Gefühl von Erschütterung – und die Erkenntnis, dass Verbrechen selten isoliert sind. Die weiße Lövin ist ein Roman über Zusammenhänge, über Verantwortung und über einen Menschen, der weitermacht, obwohl er längst weiß, wie wenig sich wirklich lösen lässt.

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