Andrzej Szczypiorski erzählt hier ein Warschau, das 1943 gleichzeitig erschöpft, gefährlich und erstaunlich lebendig ist. Er konzentriert sich auf Menschen, die in dieser Zerrissenheit ihren Platz suchen. Die versuchen ihr Leben zu entfalten, trotz der widrigen Umstände ihrer Zeit. Und immer vor der Frage stehen, wem in der Nachbarschaft man noch trauen kann.
Im Zentrum steht Irma Seidenmann. Die jüdische Frau, die durch ihr Erscheinungsbild und gefälschte Dokumente beinahe unauffällig lebt. Als sie festgenommen wird, zeigt sich, wie brüchig jede Sicherheit ist und wie viel von der Bereitschaft anderer abhängt, Verantwortung zu übernehmen.
Szczypiorski verfolgt nicht eine Handlung, sondern viele Lebensläufe, die sich überschneiden. Ein Lehrer, der zwischen Anpassung und Aufbegehren schwankt. Ein korrupter Beamter, der seine Vorteile wittert. Menschen, die helfen. Menschen, die wegsehen. Menschen, die über sich hinauswachsen. Genau darin liegt die Stärke des Romans. Die Figuren sind nie nur Mittel zum Zweck, sondern glaubwürdig und kompliziert.
Der Autor beobachtet mit großer Ruhe. Es gibt keine künstliche Dramatik. Stattdessen öffnet Szczypiorski ein Panorama, das zeigt, wie sehr Zufall und Charakter darüber entscheiden, wer überlebt. Warschau wird zum Spiegel einer Gesellschaft, die unter Druck sichtbar macht, wer sie wirklich ist.
