Clarice Lispecter: Die Passion nach G.H.

G.H. ist eine vermögende Bildhauerin aus Rio. Eines Tages betritt sie das Zimmer ihres ehemaligen Dienstmädchens, das gekündigt hat. Der Raum ist fast leer. Nur eine Zeichnung hängt an der Wand. Und hinter dem Kleiderschrank liegt eine Kakerlake- G.H. drückt die Tür zu und zerquetscht das Tier. 

Aus diesem Moment macht der Roman eine Reise nach innen. Die Erzählerin schaut auf das Tier, auf ihren Ekel, auf die eigene Haut und auf alles, was sie für ihr Ich hielt. Sie denkt sich Schicht für Schicht frei, bis kaum noch Sprache übrigbleibt. Es ist weniger Handlung als Selbstbefragung, fast wie ein Gebet, nur ohne Trost. An einer Stelle geht sie so weit, dass sie den weißen Saft der Kakerlake kostet. Nicht als Schockeffekt, sondern als Grenze, die sie bewusst überschreitet. Danach ist nichts mehr stabil.

Clarice Lispector hat diesen Roman 1964 veröffentlicht. Jetzt wurde er erstmal seit 40 Jahren neu übersetzt von Luis Ruby. Lispector gilt als lateinamerikanisches Pendant zu Kafka. Ihre Prosa arbeitet nach innen, sie nimmt Sprache wie ein Werkzeug auseinander und setzt sie neu zusammen. Man spürt, dass sie nicht auf Effekt schreibt, sondern auf Erfahrung. Keine großen Kulissen, kein Plot im klassischen Sinn, sondern eine Stimme, die sich Schicht für Schicht freilegt, bis es beinahe still wird.

Für mich liest sich das wie eine radikale Selbsterkundung. Die Kakerlake ist nicht nur ein Schockmoment, sie ist das Tor zu etwas Unbequemen. Das Buch fragt, ob wir unser Ich nicht oft aus Gewohnheit basteln und was passiert, wenn dieses Bauwerk wackelt. Die Nähe von Ekel und Erkenntnis fand ich verstörend und zugleich ehrlich. Ich habe immer wieder pausiert, weil mich diese kreisende, klare Sprache festhielt. Schräg ist wohl das passendste Wort. Seitenlanges Sprechen über ein totes Insekt hat mich verwirrt, aber genau diese Hartnäckigkeit macht das Buch eigen.

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