Elif Shafak: Das Flüstern der Feigenbäume

Im Zentrum von „Das Flüstern der Feigenbäume“ steht eine zypriotische Familie, deren Geschichte untrennbar mit der Teilung der Insel, mit Gewalt, Verlust und Vertreibung verbunden ist. Shafak erzählt von Liebe über ethnische Grenzen hinweg, von Traumata, die weitergegeben werden, und von dem Schweigen, das sich in Familien einnistet. Die Gegenwart in London und die Vergangenheit auf Zypern greifen ineinander. Erinnerung wird hier nicht als etwas Abgeschlossenes gezeigt, sondern als etwas Lebendiges, das weiterwirkt.

Der Einstieg in Shafaks Roman ist ungewöhnlich: Eine der Erzählstimmen ist ein Feigenbaum. Das klingt erst einmal irritierend. Und ich brauchte tatsächlich ein paar Kapitel, um mich darauf einzulassen. Doch genau diese Perspektive entfaltet mit der Zeit eine große Kraft. Der Baum beobachtet, erinnert sich und bewahrt schließlich auch die Geschichten der anderen Protagonisten. Er steht gleichzeitig für die Verwurzelung auf der schönen Insel Zypern. Aber auch für die Entwurzelung der Personen, die ihre Heimat zurücklassen mussten.

Die Atmosphäre ist dicht und fast poetisch. Shafak schreibt mit großer Wärme, aber auch mit Klarheit. Sie scheut sich nicht vor politischen Themen, verliert dabei jedoch nie die Menschen aus dem Blick. Migration, Zugehörigkeit, Identität und die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet, ziehen sich durch das ganze Buch.

Am Ende blieb bei mir das Gefühl, etwas sehr Sanftes und zugleich sehr Trauriges gehört zu haben. Das Flüstern der Feigenbäume erzählt von Wunden, die nicht verschwinden, und von der Möglichkeit, trotzdem weiterzuleben. Dass ich dafür ein paar Kapitel brauchte, um mich an einen erzählenden Feigenbaum zu gewöhnen, nehme ich im Nachhinein gern in Kauf. Dieses Buch war für mich ein wunderbarer Einstieg in Elif Shafaks Werk und ganz sicher nicht der letzte.

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