Jackie Thomae: Momente der Klarheit

Momente der Klarheit

Dies ist das erste Buch der Autorin Jackie Thomae. Momente der Klarheit ist bereits 2015 erschienen und ich bin froh, es nun endlich gelesen zu haben. Warum? Weil mir der Stil und die Figuren sehr gut gefallen haben.

Die ersten ca. 20 Seiten sind etwas verwirrend und auch der Grund dafür, warum ich das Buch bereits vor Monaten angelesen und dann erstmal weggelegt habe. In kurzen Sequenzen werden Bilder gezeichnet von Personen, die der Leser nicht kennt. Wir erhalten Einblicke in Gedankenfetzen unterschiedlicher Figuren, mal älter, mal jünger, mal männlich mal weiblich:

„Deine Bekannten sind glücklich mit Männern, die ständig auffallen und aus der Reihe tanzen, hupen, reklamieren, laut essen oder Schlimmeres. Du aber schämst dich für diesen vergleichsweise unauffälligen Mann, und zwar permanent.“

Die Identität dieses „Du“ wechselt in jeder Szene. Aber alle „Dus“ haben gemeinsam, dass der Status Quo des eigenen Lebens reflektiert wird und klar wird, dass das „Du“ auf ein Beziehungsende zusteuert. Damit wird das Hauptthema des Romans eröffnet.

Verlassen und verlassen werden

Dann geht die Romanhandlung richtig los – und zwar mit einem Paukenschlag. Engelhardt, ein erfolgreicher Regisseur, springt auf der Party seines Freundes Reza aus dem Fenster. In der Genesungsphase sieht er plötzlich klar vor sich, dass er sich von seiner langjährigen Freundin Susanne trennen muss. In diesem Stil geht es weiter: eine immer neue Figur kommt in einem klaren Moment zu dem Schluss, dass er/sie seine Beziehung beenden muss. Anfangs wird der Zusammenhang der Figuren nicht deutlich, aber mit der Zeit ergibt sich ein großes Netzwerk, in dem alle Figuren über einzelne Eckpunkte mit einer anderen Figur verknüpft sind. Das finde ich sehr raffiniert aufgezogen.

Auch fand ich die Vielfalt an unterschiedlichen Figuren, die jede für sich sehr eigen und originell war, sehr erstaunlich und frei von Klischees. Zwar sind einige von ihnen etwas exzentrisch und überdreht wie Isabel, eine echte Furie und Männerfresserin, aber andere sind grundsympathisch, wie Susanne, die bei einer Fahrt in ihre schwäbische Heimat ihre spießige Familie auf einmal mit anderen Augen sieht. Dies zeigt, dass sich die Figuren im Verlauf des Romans auch alle ein Stück weiterentwickeln.

Der Roman zeigt, dass sich Gefühle und Menschen verändern – und jeder mit der Situation anders umgeht. So muss Doro zum Beispiel über den Anwalt ihres (Ex-)Freundes Bender erfahren, dass er sie verlassen hat. Unglaublich! Aber Menschen sind verschieden und gehen deshalb mit der gleichen Situation anders um. In vielen einzelnen Episoden wird dies deutlich.

Momente der Klarheit ist ein moderner Großstadtroman, über die menschlichen Beziehungen und Werte von heute. „Bis dass der Tod uns scheidet“ gilt eben nicht mehr, jeder ist für sich allein verantwortlich und auf der Suche nach dem eigenen Glück. Diese nackte Wahrheit hat Jackie Thomae sehr gefühlvoll in ihrem Roman verpackt.

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