Dave Eggers: Zeitoun

Zeitoun

Eggers bestes Buch?!

Von Dave Eggers habe ich bereits den Circle gelesen und hier vorgestellt. Jetzt war „Zeitoun“ an der Reihe. Das Buch erschien bereits 2009 und wurde hochgelobt. Was sich wie ein unterhaltsamer Roman liest, ist diesmal allerdings keine fiktive Geschichte – sondern das Schicksal der Familie Zeitoun aus New Orleans als der Hurrikan Katrina über sie hereinbricht.

Der Titel des Romans ist also der Nachname der Familie. Der Vater wird aufgrund seines etwas schwierigeren Vornamens Abdulrahman von allen nur Zeitoun genannt. Er ist der Held der Geschichte. In Rückblenden wird geschildert, wie er in Syrien aufgewachsen ist, später lange Zeit auf Schiffen gearbeitet und durch die Welt gereist ist und schließlich in New Orleans landet, wo er seine Frau Kathy kennenlernt. Kathy ist eine waschechte Südstaaten-Amerikanerin und fühlt sich mit vielen Vorurteilen seitens ihrer Familie konfrontiert als sie freiwillig zum Islam konvertiert – schon bevor sie Zeitoun kennen lernt.

Erlebnisse während des Hurrikans Katrina

Die Geschichte wird im Tagebuch-Stil erzählt. Los geht es am Freitag, den 26. August 2005. Kathy und Zeitoun leben in New Orleans, ziehen vier Kinder groß und führen gemeinsam das kleine Familienunternehmen: ein Malerbetrieb, bei dem die Geschäfte ganz gut laufen. Die Medien künden bereits einen herannahenden Sturm an, aber Zeitoun hat zu viel zu tun, um die Stadt zu verlassen. Gerade noch rechtzeitig bricht Kathy mit den Kindern auf. Zeitoun bleibt allein zurück und sieht den Ausmaßen von Katrina zu. Als die ganze Stadt unter Wasser steht, paddelt er mit einem gebrauchten Kanu durch die Straßen und schaut, wo er helfen kann. Er füttert Hunde, die in verlassenen Häusern eingeschlossen sind und hilft älteren Herrschaften ihre Bleibe zu verlassen und sich evakuieren zu lassen. Er ist ein wahrer Retter in der Not. Täglich paddelt er zu einem seiner Mietshäuser, das noch einen funktionierenden Telefonanschluss hat, um sich bei seiner Familie zu melden.

Bei einem solchen Ausflug wird er verhaftet und in ein provisorisches Gefängnis gesteckt. Ihm wird Plünderung vorgeworfen und die zuständigen Beamten bringen ihn in ein Hochsicherheitsgefängnis. Aufgrund seiner Herkunft wird er wie ein Schwerverbrecher und Terrorist behandelt, eine faire Gerichtsverhandlung fällt aus. Überall herrscht schließlich provisorischer Notstabd. Daher kann ihn auch seine Familie nicht auffinden. 23 Tage lang wird er unter diesen unmenschlichen Bedingungen fest gehalten. Das ist abscheulich und schockierend, denn Zeitoun hat ja nichts falsches getan und ist vor allem kein Schwerverbrecher. Die Fehler des Systems sind hier ziemlich gravierend und die Empathie für das Leid der Familie Zeitoun beim Lesen groß. Die arme Frau und die Kinder denken wirklich, dass Zeitoun tot ist.

Diese sehr emotionalen Erlebnisse der Familie Zeitoun vom 26. August bis 29. September 2005 sind von Dave Eggers wirklich spannend und unterhaltsam aufgeschrieben worden. Ich mag seinen Schreibstil sehr, allerdings lieber im englischen Original als in deutscher Übersetzung. Umso erstaunter war ich als ich jetzt ein wenig im Internet über die Familie Zeitoun recherchieren wollte:

Schock: Wieviel Wahrheit bzw. Nicht-Wahrheit in einem Buch stecken kann

Der nette Mann Zeitoun aus dem Buch ist in Wahrheit gar nicht so nett! Bei meiner Recherche zu diesem Blogpost stieß ich auf Zeitungsartikel aus dem Jahr 2012. Die Presse, nicht nur in den USA, auch in Deutschland, berichtet, dass Kathy und Zeitoun mittlerweile geschieden sind und dass Zeitoun im Gefängnis sitzt, weil er seine Ex-Frau angegriffen hat. Angeblich soll er einem Mithäftling sogar 20.000 Dollar geboten haben, wenn dieser Kathy umbringt. Da sitzt der Schock ganz schön tief, wenn man erfährt, dass sich ein Mensch, der in einer Reportage so warmherzig porträtiert wird und mit dem man aufrichtig für sein Leiden mitfühlt, dann später zu so einem Monster entpuppt. Einfach nur schrecklich. Daher weiß ich nicht mehr, ob ich euch „Zeitoun“ als Leseempfehlung geben kann. Dieser Mann hat es nicht verdient, dass man mit seinen Erlebnissen mitfiebert. Wahrscheinlich ärgert sich auch Dave Eggers im Nachhinein, dass er dieses Buch geschrieben hat.

Wenn ihr das nochmal nachlesen wollt, hier ist noch ein guter Zeitungsartikel: Welt.de, 20.08.2012: „Wie aus einem guten Menschen ein Wüterich wird“

Hat jemand von euch „Zeitoun“ gelesen?

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