internationales literaturfestival berlin 2015

Wow, was für eine Woche! Seit dem 11. September war ich fleißig auf dem internationalen lietarturfestival berlin ( nein, das sind keine Tippfehler, man schreibt das alles klein 😉 ) unterwegs und habe mir zahlreiche Lesungen angehört, viele spannende Geschichten gehört und tolle neue und altbekannte Autoren gesehen. Insgesamt ging das Festival zehn Tage, es waren 244 Veranstaltungen mit 218 Autoren aus 51 verschiedenen Ländern. Also wirklich ein kunterbunter Mix durch die aktuelle Literaturwelt. Aber auch das Publikum vor Ort war total bunt gemischt. Während ich durch das Haus der Berliner Festspiele gewandelt bin, habe ich so viele unterschiedliche Hautfarben gesehen und Sprachen gehört. Das war wirklich eine ganz besonders schöne Atmosphäre. Und ich habe auch total spannende Gesprächspartner gefunden beim Schlange stehen fürs Signieren oder beim Warten auf den Beginn der Veranstaltungen, wie z.B. eine junge Japanerin, einen Reporter aus Indien und eine Dame, die extra aus Holland angereist ist, um einige der Lesungen zu hören.
Da ich jeden Tag bis 18 Uhr arbeiten musste – bis auf eine Ausnahme, da habe ich meinen Chef angebettelt, mich früher gehen zu lassen, haha – konnte ich vor allem die Abendveranstaltungen besuchen. Insgesamt war ich in den vergangenen sieben Tagen auf 7 Lesungen. Das ist zwar nur ein ganz kleines Bruchstück des gesamten Angebots, aber es war trotzdem ein ganz ganz toller Einblick in die Vielfältigkeit des Festivals. Einige von euch haben es vielleicht schon auf Twitter oder Facebook gesehen. Dort habe ich schon fleißig Bilder gepostet. Aber ich wollte noch einmal eine kleine Zusammenfassung schreiben und etwas mehr zu den einzelnen Lesungen berichten.

Die Highlights

Die beiden Höhepunkte waren für mich auf jeden Fall die Lesungen von Kazuo Ishiguro und Banana Yoshimoto. Die zwei waren eigentlich auch der Auslöser, dass ich unbedingt auf das Festival gehen wollte und dann gleich noch viele andere Events mitgenommen habe! Banana Yoshimoto wollte ich unbedingt einmal live erleben! Und es war schließlich auch ihr erster Auftritt in Deutschland! Das wollte ich nicht verpassen! Yoshimoto stellte am Dienstag ihren neuen Roman Moshi Moshi vor. Im Gespräch verriet Yoshimoto dann, dass ihr Vater, der Literaturkritiker war, vor nicht allzu langer Zeit verstorben ist. Er hatte das Buch aber noch vorher lesen können und meinte dann wohl: „Du hast das doch über mich geschrieben!“ Worüber Yoshimoto immer noch sehr lachen musste. Vor allem geht es ihr mit der Geschichte aber darum, Menschen, die in ihrem Leben einen Verlust verkraften mussten, etwas Heilung zu verschaffen. Sie hofft, dass ihre Leser sich nach der Lektüre besser fühlen, den Tod ein Stück weit besser akzeptieren können. Egal ob es um den Verlust eines Menschen oder des Haustieres geht, der Verlust wiegt immer schwer und meist setzt die Schockstarre erst nach 3, 4, 5 oder erst 12 Monaten ein. Doch für Außenstehende ist es dann nicht mehr ganz nachzuvollziehen und es geht auch nicht, dass man nach so langer Zeit einfach zu Hause bleibt und nicht arbeiten geht, erklärte die Autorin. Daher möchte sie mit ihrer Geschichte helfen, die Schockstarre zu überwinden und Wege aufzeigen, den Tod etwas besser zu akzeptieren, das Dunkle aus dem Herzen zu verweisen – das fand ich wirklich sehr berührend. Da ich selbst vor über drei Jahren meine Mutter verloren habe, konnte ich mich in diese Situation unheimlich gut hineinversetzen. Für einen Game of Thrones-Fan wie mich war der schöne Nebeneffekt dieser Lesung auch noch, dass Tom Wlaschiha, der in der Erfolgsserie die Rolle des Jaqen H’hgar spielt, als Vorleser engagiert war und man ihn so einmal „live und in Farbe“ erleben durfte!

Kazuo Ishiguro las beim Literaturfestival nicht nur aus seinem neuen Roman Der begrabene Riese, wobei er gestand, dass er ein unheimlich schlechter Vorleser sei. Außerdem berichtete er, wie Schreibprozesse bei ihm ablaufen. Er beschrieb dieses unheimlich lustige Bild von sich selbst, in dem er sich als ein Erbauer von Flugmaschinen sieht, in einer Zeit in der an die heutigen Flugzeuge noch nicht zu denken ist. Er versucht alle Hilfsmittel einzusetzen, die nötig sind, hauptsache seine Flugmaschine bleibt am Schluss in der Luft. So ging es ihm auch bei seinem neuen Roman, der bei den Literaturkritikern eine heftige Diskussion auslöste. Diese kann Ishiguro jedoch gar nicht nachvollziehen. Er hat weder versucht eine Art „Game of Thrones“-Roman zu schreiben (er kennt außerdem weder die Bücher noch die Serie), sondern er hat sich einfach der Mittel bedient, die nötig waren, um seine Geschichte zu erzählen. Unheimlich beeindruckend war auch seine Aussage über Literaturgenres und die Grenzen der Imagination. So sagte er, dass diese Kategorien und Genres doch nur von der Buchindustrie eingeführt wurden, um Bücher besser zu verkaufen und zu verschlagworten. Aber wer macht eigentlich diese Bewertungen, an deren Spitze z.B. literarische Werke sind, aber Fantasy-Romane ganz weit unten? Stattdessen rief er dazu auf, all diese Kategorien und Vorurteile über diese zu vergessen – denn solange jemand liest, ist dies doch eine wunderbare Sache! Da gab es natürlich kräftigen Beifall!

Die Literaturriesen


Literaturriesen, klingt vielleicht etwas „groß“, aber ich empfinde es als passendes und „griffiges“ Wort für die folgenden Autoren, die ich beim Literaturfestival gehört und gesehen habe. Dazu zählen für mich der Chinese Ha Jin, der Amerikaner Michael Cunningham und die türkische Schriftstellerin Elif Shafak. Ich muss zugeben, dass ich von allen dreien noch kein Buch gelesen habe.Obwohl alle schon diverse Bücher veröffentlicht haben und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Aber das will ich nun definitv ändern!

Michael Cunningham hat mich bei seiner Lesung unheimlich beeindruckt. Ich fand ihn richtig „cool“ in seiner Art und er hat seinen neuen Roman Die Schneekönigin unheimlich lebhaft und mit voller Energie vorgetragen. Allein das war schon „sehenswert“. Toll war auch, dass man an dieser Stelle gleich die tolle Wortmusik in seinem Werk heraushörte. Lauter schöne Alliterationen und Lautmalerei. Da hätte ich immer weiter zuhören können! Außerdem berichtete Cunnigham, dass dieser Roman tatsächlich sehr persönliche Züge hat, seine Freunde Billy und Tracy dafür Vorbild waren.

Elif Shafak wiederum berichtete nicht nur spannend über ihr neues Buch Der Architekt des Sultans, sondern auch viel über die politische Situation und das Leben in der Türkei. Sie ist der Meinung, dass die Türkei, dieser patriarchische und auch sexistische Staat, dringend Frauen in der Politik benötigt. Außerdem sprach die Bestsellerautorin darüber, wie sie ihr Leben zwischen London und Istanbul managt und sich selbst aber vor allem als globale Seele und als Weltenbürgerin sieht.

Außerdem war ich noch bei der Lesung des chinesischen Bestseller Autors Ha Jin, der sein neues Werk Verraten vorstellte. Darin geht es – verkürzt geschildert – um die Tochter eines Doppelagenten, die versucht mehr über die Vergangenheit ihres Vaters zu erfahren. Dabei ist das Buch nicht nur ein Spionage-Roman, eine Familiengeschichte mit Migrationshintergrund, sondern erzählt fast wie ganz nebenbei auch die letzten 50 Jahre der Geschichte zwischen China und den USA. Zudem erzählte Ha Jin auch die witzigen Umstände, wieso er seine Romane auf Englisch schreibt und nicht auf Chinesisch, obwohl er der Meinung ist, dass er auch chinesisch vielleicht sogar noch besser schreiben könnte. Aber als er damals in die USA einwanderte, musste er schnell lernen, sich auf englisch verständlich zu machen. Denn nicht einmal in dem chinesischen Restaurant, in dem er zeitweise arbeitete, verstanden die Kollegen seinen chinesischen Dialekt.

 

Neuentdeckungen



Zu guter letzt noch zwei spannende Autorinnen, die ich durch das Festival entdeckt habe: Laksmi Pamuntja hat ihren ersten Roman Alle Farben Rot vorgestellt. Ganz passend zum Gastland Indonesien auf der Buchmesse in Frankfurt, wird der Roman dort dann offiziell erhältlich sein. In Berlin hat die Autorin uns schon einmal einen Einblick in die Geschichte um Amba und Bishma, der auf die Gefängnisinsel Buru gebracht wird. 10 Jahre hat Pamuntjak für diesen Roman recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen und vor Ort auf der Insel sich selbst ein Bild gemacht. Dabei hatte Pamuntjak beim Schreiben auch oft Phasen, in denen sie nicht schlafen konnte, aus Angst, den Menschen, die wirklich auf Buru gefangen waren, nicht gerecht zu werden und ihre Geschichte nicht richtig zu erzählen.Schön fand ich auch die Aussage: „Novels arise of the shortcomings of history.“
Die zweite Autorin ist Kamila Shamise und ihr Roman Die Straße der Geschichtenerzähler. Sie erzählte von ihrer deutschen Großmutter, die Urdu mit einem herrlichen deutschen Akzent sprach. Aber auch sie ist von dem Begriff „History“ begeistert, in dem das Wort Story ja schon eingeschlossen ist und diese Geschichte muss nur noch mit Leben gefüllt werden. Bevor Shamise aber damit beginnt, muss sie zunächst ein konkretes Bild im Kopf haben, mit dem sie anfangen kann zu arbeiten. Von den beiden Autorinnen möchte ich nun unbedingt ein, zwei Bücher lesen und mehr erfahren.
So, das war im Schnelldurchlauf mein Rückblick vom Literaturfestival. Ich habe versucht, mich kurz zu fassen, aber es gab einfach viel zu viel zu erzählen. 🙂  Ich hoffe, dass es für euch ein bisschen spannend war und ihr vielleicht auch ein paar spannende Anregungen für neue Autoren und Bücher gefunden habt. Ich war auf jeden Fall total begeistert von der großartigen Auswahl – und das, bei nur so einem kleinen Teil der Veranstaltungen, die ich besuchen konnte. Ich hoffe, das es beim nächsten Mal mehr sind.

 

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