Ian McEwan: Nussschale

Nussschale Ian McEwan

Was für ein geniales Buch! Nussschale von Ian McEwan gehört definitiv zu einem meiner absoluten Lesehighlights im Jahr 2016. Und das, obwohl die Story auf den ersten Blick gar nicht so aufregend erscheint. Denn, und das wird schon durch das Zitat vorab deutlich, die Geschichte ist stark an Shakespeares Hamlet angelegt. Und trotzdem schafft Ian McEwan es, dem Plot in Nussschale einen ganz neuen Twist zu geben!

Erzählung aus dem Bauch heraus

Die Zutaten der Geschichte sind ganz einfach: Man nehme eine Frau (Trudy) , die ihren Mann (John) betrügt. Gut, um es spannender zu machen, ist der Liebhaber (Claude) Johns Bruder. Und um an Geld und das große Haus in London zu kommen, planen die beiden Lovebirds, den den armen John umzubringen. Einziger Zeuge des ganzen  – und jetzt wird es spannend! –  und der Erzähler des Buches: das ungeborene Baby im Bauch der Mutter!

Dieser kleine männliche Fötus, der kurz vor seinem Geburtstermin steht, berichtet uns also über das Geschehen. Nun, er berichtet zumindest, was er hört. Denn durch die Bauchwand seiner Mutter ist er natürlich kein zuverlässiger Zeuge, sondern kann nur untätig lauschen, was um ihm herum passiert. Er belauscht Gespräche, Podcasts, das Radio und den Fernseher und hat sich so einiges an Wissen angesammelt. Durch den erschreckend hohen Alkoholkonsum seiner Mutter ist das ungeborene Kind außerdem ein unheimlich guter Weinkenner.

Natürlich kann man diesem Erzähler nicht vollends trauen, so eloquent er auch scheinen mag. Seine „Fakten“ bestehen im wahrsten Sinne des Wortes nur aus Hörensagen, er ist voreingenommen – schließlich handelt es sich bei einem der potenziellen Täter um seine Mutter und die liebt man über alles. Seine Gedankengänge sind oft von Trudys Alkoholexzessen benebelt. Und trotzdem bin ich begeistert diesem herrlich zynischen, sarkastischen und bitterbösen Fötus. Hier nur eines der vielen schönen Beispiele, wie er seinen betrügerischen Onkel Claude beschreibt:

Reden ist nur eine Form des Denkens, also muss er so blöd sein, wie es den Anschein hat.

Natürlich muss man sich auf solch eine Erzählfigur einlassen können. Sonst funktioniert die Story nicht. Die Geschichte reißt es nicht raus, sondern die Perspektive, die Absurdität dieses hochgebildeten und dennoch nicht einmal geborenen Erzählers, das Schwanken zwischen Krimi und Komik gespikt mit Sprachwitz und faszinierend-philosophischen Monologen des fetalen Heldens über Erderwärmung, die Flüchtlingskrise oder die Genderdebatte.  Ich fand`s genial!

 

Vielen Dank an Diogenes für das Rezensionsexemplar!

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